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Ist das Gewissen eine Vorbedingung für einen verinnerlichten Glauben?

Der Qur'an antwortet darauf mit einem klaren "Ja!". Ein Schüler, der nach Wissen trachtet, wird diese Stelle im Heiligen Qur'an genauer betrachten wollen.

Es empfiehlt sich dies in Kapitel 90, im Qur'an, nachzulesen:

"Meint der Mensch, niemand habe Macht über ihn?  Und behauptet er: "Ich habe viel Gut aufgewendet, um meine jetzige Position zu erreichen."
Und meint er, niemand könne ihn sehen?
Haben Wir ihm nicht zwei Augen zugeteilt; dazu noch eine Zunge und zwei Lippen? Und haben Wir ihm nicht die beiden Wege zu Gut und Böse gezeigt?!
Doch er unternahm nichts, um die steile Klippe zu ersteigen, hinter welcher sich das Paradies befindet.
Und was lehrt dich wissen, was die steile Klippe ist?
Einen weiteren Menschen von seinen Ketten befreien; oder am Tage der Hungersnot einen Hungrigen zu speisen, z.B.: eine nah verwandte Waise, einen Obdachlosen, einen Heimatlosen, einen Armen, der heruntergekommen und armselig ist. Erst dann zählt man zu den Gläubigen und kann andere Menschen zur Wahrheit und dabei zur Standhaftigkeit ermahnen." (Qur'an 90:5-17)

Die Finesse liegt am Anfang des 17. Verses, nämlich bei der arabischen Konjunktion "summa", welcher im Deutschen die Bedeutung "erst dann" zugewiesen wird.

Zunächst wird der Mensch, der durch Vermögen und Macht seine Grenzen überschreitet und hochmütig geworden ist, daran erinnert, dass diese Dinge von Gott verliehene Darlehen sind. Danach wird erwähnt, dass die positive Unterscheidungsfähigkeit zwischen Gut und Böse Gegenleistungen mit sich bringt. Diese Gegenleistungen konkretisieren sich in folgenden sozialen Bereichen: Jemandem wird seine Freiheit wiedergegeben, der Hunger eines Bedürftigen wird gestillt, einem Waisenkind wird ein Schutz bzw. ein Zufluchtsort geboten, einem Obdachlosen wird eine Unterkunft zur Verfügung gestellt. All diese Dinge sind Bestandteile des Qur'ans, die einem als „zur Rechtschaffenheit führende Handlungen“ vertraut sind. Gottesdienstliche Handlungen, wie das Gebet oder das Zahlen der Armensteuer, sind gute und schöne Taten, die als Verantwortung des Individuums zu betrachten sind.

Und genau an dieser Stelle taucht folgender Qur'an-Vers auf: "Erst dann zählt man zu den Gläubigen..." 

Die Fragen, die sich jetzt auftun und den Verstand regelrecht überrollen, sind zweierlei: 1. Entsteht das Bewusstsein für soziale Verantwortung - wie z.B. jemandem seine Freiheit wiederzugeben, den Hunger eines Bedürftigen zu stillen oder einem Waisenkind Schutz zu gewähren - bereits vor dem Übertritt zum Islam? Ist dieses Bewusstsein ohne Glauben etwas wert?

Hier nehmen die Wortspekulationen, über die Bedeutung der Präposition "summa", ihren Lauf. Die Bejahung dieser letzten Frage hat dem großen andalusischen Qur'an-Interpreten, Abu Hayyan, anscheinend nicht zufrieden gestellt, sodass er folgenden Kommentar zu diesem Qur'an-Vers schrieb: "Erst dann" ist hier nicht zeitlich gemeint. Ein anderer Qur'an-Interpret, Al-Radhi, hat diese Herangehensweise noch genauer dargelegt. Die größte Herausforderung liegt darin, das "summa", welches die Bedeutung "erst dann" hat, den gängigen theologischen Ansichten anzugleichen.
Zweifellos ist der Glaube die Grundlage für aufrichtige Taten. Besteht keine Feinheit und Sensibilität darin, dass der Qu'ran an dieser Stelle den Begriff "summa" gebraucht?

Wie können wir von der Sprache Sicherheit erwarten, wenn wir diese Frage mit „Nein“ beantworten und wir diese Präposition einfach ihrer ursprünglichen Bedeutung entreißen und ihr einen Inhalt zugrunde legen, der ursprünglich nicht vorhanden war. Wenn wir uns bei dieser Angelegenheit nicht sicher sein können, wo dann? Wie könnten wir uns denn sonst verständigen und einigen?

Hier sei an die ewige Meinungsverschiedenheit zwischen den Sprachwissenschaftlern, die „wörtlich“ auslegen und  solchen, die die inneliegende Bedeutung vorziehen.
Der leidenschaftlichste Verfechter, der Theorie, die eine gemeinsame Verwendung der Präpositionen, insbesondere der Harf-i jar's (ein Überbegriff für Präpositionen in der arabischen Sprache) vertritt, war Ibn Khischam (8. Jh.), Sprachwissenschaftler und Autor des Werkes Tafsir-i Mugni. Falls man diese Annäherung akzeptieren sollten, würde man sehr leicht folgenden Standpunkt vertreten: "Man könnte doch auch ein beliebig anderes Wort einsetzten!"

Abu Khilal al-Askari, ein Vertreter der Abu Ali al-Farisi Schule, war ein Semantologe. Dieser zitierte, im Gegensatz dazu, folgende Aussage von Ibn Durustavayh: "Dies ist das Vernichten der Authentizität der Worte und der Erkenntnis der Sprache; und dies steht im absoluten Wiederspruch zu den Methoden Rationalismus und Vergleich." (al-Furuq)

Die Meinung, man könne die Präpositionen untereinander beliebig austauschen, ist auch dieselbe, die behauptet, dass im Qur'an Präpositionen zur Vervielfältigung vorhanden sein. Wenn man beginnt die Dinge auf diese Art zu betrachten, dann kommt man zu dem eben genannten Standpunkt. Obwohl im Qur´an keine Vervielfältigung ist. Beispielsweise dienen die "ba´s" vor den Stammaussagen nicht zur Vervielfältigung, sondern sind ein Teil der orginellen Art des Qur´an und haben die Bedeutung, dass keine Möglichkeit und/oder Wahrscheinlichkeit besteht die Verben ins Negative zu setzen. 

Das "summa" im Qur'an (90:17) drückt aus, dass ohne Gewissen auch kein Glaube vorhanden sein kann. Es zeigt, dass sich am Anfang das Gewissen und später, darauf aufbauend, der Glaube entsteht. Diese Verse sind gewissermaßen die Interpretation des Ausdrucks im Qur'an (2:2): "Dieser Qur'an ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen." Es ist eine Antwort für diejenigen, die sich fragen, "Warum kommt die Gottesfurcht vor der Rechtleitung?". Die Gottesfurcht vor der Rechtleitung ist zugleich eine Aufforderung Verantwortungsbewusst zu sein. Dies Verdeutlicht der Qur'an in seinem 107. Kapitel und spricht die Gewissenlosen an, die sich ihrer moralischen Verantwortung entziehen. "Wie bedauerlich für die Gottesdienstausübenden, wenn es etwas derartiges sein sollte" (107:4). Hier sei zusätzlich erwähnt, dass der Qur'an den Gesandten an einer Stelle "Du (Muhammad) wusstest vorher nicht, was das Buch ist und was der Glaube ist" und denselben Gesandten an einer anderen Stelle "du bist von großartiger Lebensart" beschreibt.

Nach all diesen Erläuterungen können wir nun die letzten drei Verse des Kapitels 90 lesen:

"Ja! So sind diejenigen, die ein Gewissen haben. Und diejenigen, die bei der Verleugnung beharren, sind die, die keinen Gewissen haben: Auf jene, ist ein unbeschreibliches Feuer gelenkt"

Folglich ist der Zweck des Glaubens die Treue zum Gewissen seid.

Mustafa Islamoglu
Übersetzung durch:   www.vdmev.de

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